Einleitung
Wer ist schuld an der Umweltzerstörung? Der Mensch? Der Kapitalismus? Der Sexismus? Der Kolonialismus? Seit langer Zeit versucht die Ökologieforschung, Antworten auf diese Frage zu geben. 2002 hat Paul Crutzen durch seinen Vorschlag eines neuen geologischen Zeitalters, des Anthropozäns,1 die Wogen noch einmal hochkochen lassen, und wenn sich auch viele Kontinuitäten zu vorangegangenen ökologischen Debatten finden lassen, so hat die von ihm ausgelöste Diskussion über das Anthropozän doch einen interdisziplinären wissenschaftlichen Austausch befördert.
Wie die Wissenschaftshistorikerin Carolyn Merchant in einem Aufsatz von 2016 bereits bemerkte, spielt Geschlecht in der Ökologie von Anfang an eine Rolle:2 Schon der Begriff der Ökologie mit seinen griechischen Wurzeln im oikos, im Haus, macht die Ökologie zur Wissenschaft des Haushalts,3 was die erste Ökologieforscherin Ellen Swallow Richards in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dazu veranlasste, ihre Umweltforschung „Ökologie“ zu nennen. Die siebzig Jahre später begründete Umweltforschung der 1960er Jahre war maßgeblich von der Veröffentlichung Rachel Carsons Silent Spring geprägt,4 welche, wie schon Ellen Swallow Richards, die Frage nach der Bewohnbarkeit der Erde stellte.
In den 1970er Jahren tauchen die ersten Texte auf, welche sich selbst explizit ökofeministisch nennen und verschiedene Analysen dafür anbieten, welche Rolle Geschlecht bei der Umweltzerstörung spielt. In diesem Artikel geht es darum, aus einer vorwiegend deutsch-französischen Perspektive der Verschränkung diverser Machtmechanismen in diesen Arbeiten nachzugehen. Hierzu werde ich in einem ersten Schritt herausarbeiten, wie der Beitrag der politischen Ökonomie in zentralen ökofeministischen Ansätzen analysiert wurde und zugleich die Unterschiede zwischen den Ansätzen aufzeigen. Der zweite Teil des Artikels ist den jeweils verwendeten Definitionen von Geschlecht gewidmet und der Frage, welche Rolle die jeweiligen Analysen der Geschlechterherrschaft bei der Umweltzerstörung zuschreiben und wie diese eventuell mit Analysen der politischen Ökonomie verschränkt sind. Abschließend werde ich neuere Arbeiten in die herausgearbeiteten Traditionen einordnen und dabei auch aktuelle Tendenzen und bleibende Fragen aufzeigen.
Politische Ökonomie – Politische Ökologie
Die Rolle, welche die politische Ökonomie in der Umweltzerstörung spielt, wurde in der Ökologie seit ihren Anfängen untersucht, auch im deutschen und französischen Kontext. Bezogen auf Frankreich stellen der Sozialpsychologe Serge Moscovici5 und der Soziologe und Politiker René Dumont zentrale Referenzen der politischen Ökologie dar, die auch für den Ökofeminismus Bezugspunkte waren.6 Auf seinen Wahlkampfslogan Écologie ou la mort (Ökologie oder Tod) nimmt die erste französische Ökofeministin, Françoise d’Eaubonne, explizit Bezug mit ihrem Buch Feminismus oder Tod.7 D’Eaubonne positioniert sich in diesem Gründungstext, auf welchen drei Jahre später der Band Ökologie und Feminismus8 folgt, doppelt kritisch: einerseits gegen den Produktivismus (sie spricht von illimitisme, einer Ideologie, wonach endlose Ressourcen zur menschlichen/männlichen Verfügung stünden), der sowohl den Kapitalismus als auch den real existierenden Sozialismus ihrer Zeit prägte, andererseits gegen die verbreitete Vorstellung einer Frauenemanzipation durch Lohnarbeit.9 Wenn die Umweltzerstörung Ergebnis der kapitalistischen Wirtschaftsform sei, dann dürfte sie in realsozialistischen Gesellschaften nicht länger existieren, genauso wie die Frauenunterdrückung, wenn diese auf die kapitalistische Wirtschaftsform reduziert wird. Für d’Eaubonne sind auch staatskapitalistische Gesellschaften von denselben patriarchalen Prinzipien von Aneignung (appropriation), Dominanz (dominance), Konkurrenzagressivität (aggressivité compétitive) und einer Ideologie der Grenzenlosigkeit (illimitisme) geprägt.10 Mit dem deutschen Soziologen Reimut Reiche fragt sie auch danach, warum in sozialistischen Gesellschaften die Unterdrückung von Frauen und Homosexuellen fortbesteht.11 Ihre Antwort: weil der Ursprung der Umweltzerstörung wie auch der Frauen- und Homosexuellenunterdrückung eben nicht einzig in der kapitalistischen Wirtschaftsweise begründet liegt, sondern vielmehr im Sexismus. In Écologie et féminisme fasst d’Eaubonne zusammen:
Das Prinzip der Verschlechterung der Güter dieses Planeten begann also mit dem Sexismus oder der geschlechtlichen Aufgabenteilung, wobei die den Frauen vorbehaltenen Aufgaben untergeordnet waren. […] die immer schneller voranschreitende Zerstörung einer von einem universellen männlichen System beherrschten Welt, die nach den enormen und blutigen Kriegen der Vergangenheit an den Rand der Erschöpfung ihrer Ressourcen gelangt ist, was irreversibel zu werden droht, und die Entscheidung für eine tödliche Energieform, die Kernenergie, um weiterhin eine einzige Energiequelle in den Händen einiger weniger Besitzenden zu konzentrieren.12
D’Eaubonne macht vor allem die männliche Kontrolle über die Gebärfähigkeit der Frauen für die ökologische Katastrophe verantwortlich und folglich sieht sie als Aufgabe des Ökofeminismus, sich für eine selbstbestimmte Kontrolle der Frauen über ihre eigene Fruchtbarkeit einzusetzen, ein Thema, welches, zur Zeit, als Féminisme ou la mort geschrieben wurde, die Tagespolitik durch die Kämpfe des MLF (Mouvement de libération des femmes) und des MLAC (Mouvement pour la liberté de l’avortement et de la contraception) stark prägte. Sie reagiert damit auch auf die zeitgenössische Diskussion zu Überbevölkerung, ausgelöst durch den Bericht des Club of Rome von 1972.13 Für diesen Fokus auf Geburtenkontrolle und Überbevölkerung wurde sie von den Herausgeberinnen der Neuauflage von 2020 kritisiert, die sich von d’Eaubonne eine größere Sensibilität gegenüber dem kolonialen Charakter dieses Diskurses gewünscht hätten.14 Für d’Eaubonne ist der Kapitalismus das letzte Stadium des Patriarchats vor seinem Ende: „der universelle Kapitalismus, ob multinational oder staatlicher sogenannter ‚Sozialismen’ ist direkt für die Umweltbedrohung verantwortlich, aber es ist weder ihre erste Ursache noch ihre letzte.“15 Sie kehrt also die in der politischen Ökologie verbreitete Sicht um, dass die kapitalistische Wirtschaftsweise nicht nur grundlegend für die Umweltzerstörung, sondern auch für die Geschlechterverhältnisse ist. Im Gegenteil sei es der historische und kulturelle Sexismus, der sowohl die Ökonomie als auch ihre umweltzerstörerischen Folgen zu verantworten habe.
Die deutschen Ökofeministinnen der Bielefelder Schule vertreten ähnliche Positionen. Doch trotz aller Parallelen muss hier bemerkt werden, dass d’Eaubonne sich mit ihrem Fokus auf Geburtenkontrolle in diesem Punkt wesentlich von der Bielefelder Schule unterscheidet, die sich wie der radikale und der sozialistische Feminismus vielmehr mit der Hausarbeit beschäftigt. In vehementer Auseinandersetzung mit den Marxisten ihrer Zeit, die diese Tätigkeiten weder als Arbeit noch als produktiv anerkennen wollten, bestanden die Bielefelderinnen darauf, dass die geschlechtliche Arbeitsteilung kein Familienproblem, sondern ein Gesellschaftsproblem sei. Die Debatte um den Lohn für Hausarbeit wurde dabei international geführt, und wie auch Émilie Hache kürzlich bemerkt hat, lassen sich hier relativ markante Unterschiede zwischen den Bielefelderinnen und z. B. den Italienerinnen wie Mariarosa Della Costa oder auch Silvia Federici sowie der US-Amerikanerin Selma James feststellen, die diese Kampagne geführt haben. Die französische feministische Debatte, obgleich ebenfalls auf Hausarbeit konzentriert, führte mit dem mode de production domestique16 von Christine Delphy eine alternative Sichtweise ein, welche die Eigenständigkeit dieses Produktionsmodus und seine Herstellung von Geschlechterklassen betont. Ein Lohn für Hausarbeit, auch als strategisch uneinlösbare Forderung, welche die Fundamente und Grenzen der kapitalistischen und sexistischen Wirtschaftsweise sichtbar machen soll, ist für Delphy nicht vertretbar, er könnte sogar kontraproduktiv sein.17
Demgegenüber schlagen die Bielefelderinnen – hier zum Beispiel Maria Mies – vor, das Hausfrauensyndrom als grundlegendes ökonomisches Prinzip von Kapitalismus und Kolonialismus sichtbar zu machen.18 Tief in die Menschheitsgeschichte zurückgehend bezeichnet Mies die Beziehung von Frau und Kind als erste soziale Beziehung. Da Männer ihre Körper nicht (wie Frauen durch Geburt und Milchproduktion) unmittelbar als produktiv erfahren könnten, würde die Produktivität von Männern erst spät in der Menschheitsgeschichte wahrnehmbar mit dem Aufkommen von Werkzeug. Damit sei die männliche Sicht auf Produktivität eine durch Werkzeug vermittelte, durch welche Männer die Frauen als eine ihnen äußere Natur wahrnehmen. Jagdwerkzeug sei jedoch nicht produktiv, sondern destruktiv und erst mit dem Aufkommen der Herdenhaltung habe sich eine produktive Wirtschaftsweise auch für Männer ergeben, welche allerdings auf Zwang und Ausbeutung beruhe. Dieser gewaltvolle Bezug auf Vieh und Umwelt habe sich auch auf das menschliche Miteinander übertragen und zu Sklaverei und zur Aneignung von Frauen und ihrer Fruchtbarkeit wie Arbeit geführt. Der Feudalismus habe die Leibeigenschaft als solche von der Viehwirtschaft übernommen und diese auf Zwang und Ausbeutung beruhende Beziehung bestehe auch im Kapitalismus fort, der sich z. B. indigene Völker angeeignet und Sklaverei in der Dreiecksökonomie zu einer rentablen Extraktionsökonomie befördert habe. Die Kolonie des modernen Arbeiters ist bei Mies seine Frau, die bürgerliche Frau als domestizierte Natur, die versklavte Frau als „wilde“ Natur. Die Proletarisierung des Mannes sei von der Hausfrauisierung der Frauen begleitet worden.
Diese heute etwas befremdlich anmutenden großen Erzählungen prägten die Sozial- und Geisteswissenschaften in den 1960er und 1970er Jahren und so auch die ersten Versuche der Geschlechterforschung, welche in jener Zeit ihren Ursprung hatten. Hier wird ganz offensichtlich versucht, an Friedrich Engels Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats19 anzuschließen und ihn um feministische Kritiken und Analysen zu ergänzen. Sowohl d’Eaubonne als auch Mies versuchen nachzuweisen, dass eine spezifische Haltung gegenüber der Produktion des Lebens, der Herde wie der Menschen, des tierischen wie des menschlichen also, zu einer zerstörerischen Kultur und Ökonomie führt, die schließlich im kolonialen Hausfrauen-Kapitalismus gipfelt.
Dabei sind Mies und Bennholdt-Thomsen auch durch ihre Kooperation mit Vandana Shiva und ihre Aufenthalte in Indien und Südamerika sensibler gegenüber der kolonialen Dimension als d’Eaubonne. Ihre Subsistenz-Perspektive beinhaltet eine relativ ökonomistische Sicht auf Geschlecht, in welcher die jeweilige Wirtschaftsform zur spezifischen Auf- oder Abwertung von Männern und Frauen führt. Insofern kann ihr Modell als umgekehrtes zu dem von d’Eaubonne gelten, da es bei d’Eaubonne der Sexismus ist, der zu einer bestimmten Wirtschaftsform führt und nicht umgekehrt. D’Eaubonne ist hier dem radikalen materialistischen Feminismus (der nach ihr kam) näher, der im Patriarchat den „Hauptfeind“ verortet.20
Émilie Hache fasst den Unterschied zwischen dem italienischen Hausarbeits- und dem deutschen Subsistenzansatz folgendermaßen zusammen: Im ersteren gehe es vorwiegend um soziale Reproduktion, und es ist lediglich Silvia Federici, die später ökologische Überlegungen in diesem Zusammenhang aufstellte. Die deutsche Subsistenz-Perspektive hingegen sei auf Frauen-Autonomie ausgerichtet, also auf eine produktive Wirtschaftsweise, was der alleinige Fokus auf soziale Reproduktion nicht hergebe.21 Hier kann ergänzt werden, dass der Bielefelder Subsistenz-Ansatz maßgeblich (vor allem bei Claudia von Werlhof) auf einer feministischen Aneignung von Rosa Luxemburgs Imperialismustheorie beruht. Nach Luxemburg hängt das Kapital von einer ständigen Integration eines „nicht-kapitalistischen“ Äußeren ab, was bei ihr das historische Aufkommen des Kolonialismus erklärt. Die Bielefelderinnen übertragen dieses Modell auf den Haushalt als permanentes fiktionales „nicht-kapitalistisches“ Äußeres, welches sich das Kapital täglich aneigne. Daher auch die expliziten Vergleiche im Titel und Text, die Frauen als Kolonisierte darstellen.
Generell muss an dieser Stelle festgehalten werden, dass sowohl der deutschsprachige als auch der französischsprachige Ökofeminismus die Ökonomie zwar durch die Geschlechtskategorie hinterfragt, aber dennoch weiterhin Ökonomie als zentral für die Erklärungen der Umweltzerstörung betrachtet. Dies muss vor allem im Kontrast mit den US-amerikanischen Formen des Ökofeminismus festgestellt werden, welche häufig entweder in der Theologie (z. B. Rosemary Radford Ruether, Mary Daly, Starhawk oder Charlene Spretnak) oder in der Philosophie (z. B. Carolyn Merchant, Mary Mellor, Val Plumwood oder Karen) verortet sind und vielmehr symbolische und kulturelle Erklärungen für die Umweltzerstörung anbieten. Diese eher „kulturalistisch“ argumentierenden radikalfeministischen Ansätze sehen die Geschlechterherrschaft als der umweltzerstörerischen Ökonomie vorgelagert und sehen folglich auch in der Abschaffung der Geschlechterherrschaft die Lösung für die Umweltzerstörung. Für Janet Biehl war das der Anlass, den US-amerikanischen Ökofeminismus harsch zu kritisieren und ihm einen eher anarchistisch inspirierten Gegenentwurf gegenüberzustellen.22 Generell gibt es in den USA neben den radikalfeministischen aber auch etliche sozialistische oder marxistische Ansätze im Ökofeminismus (z. B. Mary Mellor, Greta Gaard oder Ariel Salleh). Dreh- und Angelpunkt dieser Ansätze bleibt die Analyse und Kritik der politischen Ökonomie, die auch ihre geschlechtliche Prägung ändern muss. Im Gegensatz zu den Radikalfeministinnen ist Geschlecht für die Sozialistinnen jedoch nicht der Hauptfeind. Aber was verstehen die jeweiligen Ansätze unter Geschlecht?
Geschlecht und Sexualität im Ökofeminismus
In der BRD haben sich die Ökofeministinnen der Bielefelder Schule durch die institutionelle Frauen- und Geschlechterforschung diskriminiert gesehen, welche sich weitgehend von Maria Mies’ Postulat der „bewussten Parteilichkeit“ (1978)23 abgewandt hat und den schmalen Grat zwischen Objektivitäts-/Rationalitätskritik und Relativismus/Essentialismus beschritt, den sie bis heute immer noch genauso unbequem und prekär bewohnt. Wenn wir zunächst bei d’Eaubonne und Mies/Bennholdt-Thomsen als deutsche und französische Beiträge zum Ökofeminismus bleiben, so können wir festhalten, dass beide bereits den von Ynestra King 1981 im US-Feminismus kritisierten Dualismus zwischen sozialistischem und kulturalistischem Feminismus überwinden konnten.24 King hatte diesen als hinderlich für das feministische Denken beschrieben und zu seiner Überwindung im Ökofeminismus aufgerufen.25 Dennoch lohnt sich ein genauerer Blick auf die Geschlechterpolitiken d’Eaubonnes und der Bielefelderinnen, da hier grundlegende Unterschiede auszumachen sind:
D’Eaubonne ist einerseits einem existentialistischen Feminismus de Beauvoirs verschrieben, also einem grundlegenden Antinaturalismus, welcher sie in Kings Klassifizierung den rationalistischen Sozialisten näherbringen müsste.26 Doch schon früh setzte sich d’Eaubonne für die sexuelle Befreiung ein, nicht nur in ihrem Engagement für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs. Darüber hinaus war sie auch Gründungsmitglied der revolutionären Homosexuellenbewegung und an der berühmten Wurst-Attacke auf eine homophobe Radiosendung beteiligt, die im Anschluss zur Gründung des Front homosexuel d’action révolutionnaire (FHAR) führte.27 Es ist nicht auszuschließen, dass die auch ansonsten sehr kreative Autorin maßgeblich an der Schöpfung der vielen Neologismen des FHAR beteiligt war, wie z. B. die Begriffe structure hétéroflic und phallocratisme. In ihren eigenen Schriften benutzt sie ebenfalls den Begriff hétéroflic, aber auch sexocide28 für die Hexenverfolgung sowie das genannte illimitisme und ihre Kritik an der féminitude.29 Die prokreative Familie ist nach d’Eaubonne eine Falle für Frauen und sollte mitsamt der Familie abgeschafft werden. Ihre utopischen Vorstellungen verfolgen ein lustvolles Miteinander, das eben nicht auf Ausbeutung, sondern auf Gleichheit und gegenseitigem Respekt gründen soll.
Der Bielefelder Schule wurde von Anfang an Essentialismus, aber auch Heterozentrismus vorgeworfen, was sich mit der poststrukturalistischen Wende im deutschen feministischen Denken der 1990er Jahre noch verstärkte. In der Tat lassen ihre Arbeiten wenig Raum für sexuelle Identitäten jenseits der Heteronormativität und der Vergleich mit d’Eaubonne macht das noch deutlicher. Zudem ist ihr Bezug auf Mutterschaft ein grundsätzlich anderer als jener von d’Eaubonne: Stellt letztere die Gebärfähigkeit ebenfalls ins Zentrum ihrer Theorie der Frauenunterdrückung, so ist dies insofern nicht naturalistisch, als sie vor allem die Macht der Frauen über ihre eigene Fruchtbarkeit thematisiert. Im Gegensatz dazu wird bei Mies die Gebärfähigkeit und die Milchproduktion zur Produktivitätserfahrung, welche menschheitsgeschichtlich die Frauenunterdrückung hervorbringe, eine These, die nicht nur wissenschaftlich bis jetzt nicht gestützt ist, sondern darüber hinaus auch eine biologistische Wertung aufmacht.30
Geschlecht ist bei d’Eaubonne letztendlich eine Strukturkategorie, die sich in der menschlichen Kultur und Wirtschaft niederschlägt und in der Kontrolle weiblicher Gebärfähigkeit die Form der grenzenlosen Ressourcenausbeutung angenommen hat. Damit zu brechen, bedeutet somit auch, die gesamte gesellschaftliche Seinsgrundlage zu revolutionieren und nicht länger für Profitmaximierung und Konsum, sondern eher für eine Gesellschaft des respektvollen Miteinanders und der prinzipiellen Gleichheit einzutreten.
Bei Mies und Bennholdt-Thomsen erscheint Geschlecht als deutlich festere natürliche Kategorie, welche die gesellschaftliche, politische und vor allem ökonomische Abwertung der Frauen zur Folge hat. Statt wie bei Christine Delphy und den französischen radikalen Feministinnen Geschlecht als Ergebnis von Ausbeutung und Unterdrückung zu betrachten (ähnlich den Positionen der Bourgeois und der Proletarierin), scheint es bei den Bielefelderinnen Frauen und Männer immer schon zu geben, häufig qua Gebärfähigkeit und der daran gebundenen Arbeitsteilung. Sie kritisieren die Abwertung der Frauentätigkeiten, die Enteignung der Produkte der Frauenarbeit, sie kritisieren die Gewalt, welche der Aufrechterhaltung der ausbeuterischen Strukturen dient. Dennoch scheinen weder die Kategorien Frau und Mann selbst je hinterfragt zu werden, noch scheint es Lebensformen jenseits dieser Kategorien zu geben, und auch ist mir keine Arbeit der Bielefelderinnen zu sexuellen Lebensformen jenseits der Heteronorm bekannt.
Abschlussbetrachtung
Sich so ausführlich mit diesen historischen ökofeministischen Arbeiten zu beschäftigen, findet seine Begründung vor allem darin, dass sie zumindest in Frankreich heute zentrale Referenzen eines nun fast zehn Jahre andauernden Ökofeminismus-Booms sind. Ist in Deutschland Ökologie ebenfalls ein zentrales Thema der Frauen- und Geschlechterforschung, so bleibt die Forschung hier weitestgehend einem poststrukturalistischen Antinaturalismus verschrieben und vermeidet zumeist den Begriff Ökofeminismus.31 Im französischsprachigen Bereich hingegen hat die Veröffentlichung einer Anthologie mit aus dem Englischen übersetzten Texten einen regelrechten Publikationsboom ausgelöst, welcher zur Neuauflage fast des gesamten Werkes d’Eaubonnes geführt hat. Und kürzlich wurden sogar die Texte von Maria Mies und Veronika Bennholdt-Thomsen ins Französische übersetzt und finden innerhalb und außerhalb der Wissenschaft regen Anklang.32
Émilie Hache hat mit ihrer Anthologie nicht nur eine bestimmte Auswahl von Texten getroffen, die jetzt einer französischsprachigen Leser*innenschaft zugänglich sind, sie hat auch die mittlerweile weit verbreitete Ansicht durchgesetzt, dass jegliche Unterteilung in gute und schlechte Ökofeminismen am eigentlichen Einsatz des Ökofeminismus vorbeigehe, der stattdessen als Ganzes, also eben auch mit seinen spirituellen und essentialistischen Formen, betrachtet werden müsse. Die Philosophinnen Hache und Catherine Larrère haben vor allem die Kritik am Natur-Kultur-Dualismus hervorgehoben und diese für die feministische und ökologische Theorie nutzbar gemacht. Statt bei der Kritik des Verweises der Frauen an die Natur stehen zu bleiben, müsse es vielmehr darum gehen, die generelle Abwertung der Natur, die sich in der Natur-Kultur-Aufteilung ausdrückt, zu überwinden, und wenn dafür die Identifizierung mit der Natur hilfreich ist, dann kann dies gewissermaßen strategisch auch geschehen. Man denke an den ökologischen Slogan „Wir sind die Natur, welche sich verteidigt.“33 Zwar wird sofort ersichtlich, inwiefern diese Kritik für die politische Ökologie brauchbar ist, doch bleibt unklar, inwiefern sie zur Überwindung der Geschlechterherrschaft in ihren sozialen, ökologischen, kulturellen, politischen und gewaltvollen Ausprägungen beiträgt.
Die kulturelle Übersetzerin des Subsistenz-Ansatzes in Frankreich, Geneviève Pruvost, hat sich mit den zahlreichen Kritiken an der Heteronormativität der Bielefelderinnen konfrontiert gesehen und daraufhin versucht, ihr queeres Potential hervorzuheben.34 In ihrer Studie Quotidien politique schlägt sie hierfür den Begriff der maisonnée vor, welcher erlaube, den Haushalt eben nicht als heteronormative Familie zu betrachten, sondern vielmehr als eine Form der Wirtschafts- und Lebensgemeinschaft, die auch für nicht-heteronormative Modelle offen sein könne. Historisch ist diese Form natürlich eher für die subalterne Eingliederung von Sklav*innen und Diener*innen bekannt. Es lohnt sich also eine Betrachtung der konkreten Strukturen und Positionen innerhalb dieser maisonnée hinsichtlich sozialer Strukturkategorien von Klasse, Geschlecht, Rassismus oder Heteronormativität.
In der englischsprachigen Geschlechterforschung haben sich queere ökologische Ansätze wie Greta Gaard oder Catriona Sandilands stark auf die Rationalitäts- und Kulturkritik von Ynestra King, Karen Warren oder Carolyn Merchant bezogen. Pruvosts Vorschlag, auf die Haushaltsökonomie einzugehen, hat hier den Vorteil, die Ökonomie nicht außen vor zu lassen. Doch der Vorteil der englischsprachigen Ansätze liegt darin, sich stärker in dekonstruktivistischer und queerer Kritik zu verankern und damit auch die heteronormative Gewalt als ideologische Grundlage kolonialer, sexistischer und homophober Verbrechen aufzuzeigen, also die historische Verknüpfung dieser Gewaltformen zu beleuchten, und damit historische, politische und soziokulturelle Aspekte einzubeziehen, welche in der Bielefelder Schule und dem Subsistenz-Ansatz bisher so nicht aufgenommen wurden.35
Im deutschen Kontext war es nicht nur die poststrukturalistische Kritik an der Kategorie Frau und der Essentialismusvorwurf, die für das Verschwinden des Bielefelder Subsistenz-Ansatzes aus dem wissenschaftlichen Kontext verantwortlich sind. Auch die an der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule orientierte36 Frauen- und Geschlechterforschung stand den Bielefelderinnen kritisch gegenüber und schlug eine andere Auseinandersetzung mit dem Naturbegriff vor. In diesem Rahmen wurden auch US-amerikanische ökofeministische Arbeiten der Wissenschaftshistorikerin Carolyn Merchant in der BRD diskutiert und für die deutschsprachige feministische Wissenschaftskritik nutzbar gemacht.37 Diesem Zweig des feministischen Denkens, für den nicht zuletzt auch Barbara Holland-Cunz genannt werden kann,38 war der Bielefelder Ansatz doppelt suspekt: einerseits kritisierten sie die Stellung, welche die Wirtschaftsweise in ihrer Analyse einnimmt, als latent ökonomistisch, andererseits warnten sie aber auch vor einem gewissen mystischen Denken, dem der Bielefelder Ökofeminismus auf undialektische Weise Vorschub leisten würde, indem die Gleichsetzung von Frau und Natur eben nicht als kulturelles, diskursives und auch ökonomisch-sozialpolitisches Phänomen betrachtet würde, da er diese in letzter Instanz auf die weibliche Gebärfähigkeit zurückführt.
Barbara Holland-Cunz nimmt hier eine besondere Stellung ein, die einerseits den Ökofeminismus in Deutschland verteidigt, als dieser das absolute Anathema ist, andererseits aber auch wenig Anklang mit ihren Arbeiten in der deutschen Geschlechterforschung findet, vielleicht auch aufgrund ihres positiven Bezugs auf die anarchistische Tradition der politischen Ökologie. Für sie sind Frauen das Selbstbewusstsein der Natur (women as nature’s self-awareness)39, insofern, als die ideologische Gleichsetzung zur politischen Waffe gedreht werden soll, statt sie bloß zurückzuweisen: eben durch diese historische Gleichsetzungserfahrung sprächen Frauen besonders gut für die Natur, was als Argument für den besonders hohen Anteil von Frauen in ökologischen Bewegungen herhalten könnte, der immer wieder festgestellt wird.
Die deutsche Frauen- und Geschlechterforschung zu Ökologie, welche sich teilweise ebenfalls auf die Tradition der kritischen Theorie der Frankfurter Schule stützt, wie z. B. die Arbeiten von Susanne Lettow, ist deutlich offener gegenüber dekonstruktiven und poststrukturalistischen Ansätzen. Sie sind dadurch auch in einen kritischen Austausch mit dem Feld des Posthumanismus und des New Materialism getreten.40 Wie ich an anderer Stelle gezeigt habe, werden diese Arbeiten in der französischen Frauen- und Geschlechterforschung so gut wie überhaupt nicht wahrgenommen, und wenn ja, dann fast gänzlich abgelehnt, einerseits weil der Dekonstruktivismus und der Poststrukturalismus in der französischen Frauen- und Geschlechterforschung paradoxerweise kaum Niederschlag gefunden haben, und sich eine soziologisch positivistische Forschungshaltung weitgehend durchsetzen und institutionalisieren konnte.41 Andererseits auch, weil englischsprachige Literatur immer noch nur schlaglichtartig und durch besondere Interventionen in der französischsprachigen Wissenschaft wahrgenommen wird.
Ökonomie und Geschlecht bleiben Felder der Dissonanz in der Frauen- und Geschlechterforschung zu Ökologie und auch im Ökofeminismus. Doch zeigen die in diesem Artikel gemachten Analysen, dass diese Arbeiten wichtige Kritikpunkte an der politischen Ökologie formulierten und damit zu einem differenzierteren Verständnis von Ökologie und Umweltzerstörung beigetragen haben. Ob dabei die politische Ökonomie eine bestimmte Geschlechterordnung hervorbringt oder ob es stattdessen andersherum die gewaltvolle Geschlechterordnung ist, welche für die Umweltzerstörung verantwortlich zu machen ist, bleibt offen. Jüngere Ansätze interessieren sich eher dafür, wie politische Ökonomie und Geschlechterherrschaft heute auf eine Weise verschränkt sind, die sowohl zur aktuell ansteigenden Geschlechtergewalt als auch zur Klimakatastrophe führen, die mittlerweile das Fortbestehen der Menschheit infrage stellt. Doch anstatt sich mit einer gewissermaßen strukturalistischen oder konstruktivistischen Perspektive zufrieden zu geben, welche positiv diese Verschränkung feststellt, hoffe ich, durch diesen Artikel gezeigt zu haben, dass die historischen Ansätze mit ihrer Frage nach dem Ursprung dieser Gesellschaftsordnung die Historizität eben dieser Ordnung sichtbar machen. Dies ist erstens dafür wichtig, diese Ordnung weiterhin als veränderbar wahrnehmen zu können, und zweitens auch dafür, ihre kolonialen und globalen Verstrickungen in ihrer geschichtlichen, aber auch aktuellen Dimension zu begreifen. Dieses Wissen ist unabdinglich für das Aufzeigen von gesellschaftspolitischen Lösungsansätzen, die eben nicht nur ökonomisch orientiert sein dürfen, sondern auch Geschlecht als gesellschaftliches Ordnungsprinzip einbeziehen müssen. Denn Geschlecht und sexuelle Politiken waren und sind Teil der brutalen (post)kolonialen Zerstörungspolitik, welche die aktuelle Klimakatastrophe historisch hervorgebracht hat und heute noch immer weiter zuspitzt.
